Auflösung

Wären wir endlich geheilt vom unheilvollen Begehren,
das uns täglich schlechte Texte, wie aus dem Dunkel, entlockt?
(Ann Cotten, Pferd)

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Nietzsche just beendet, da es bei Klaus Bittner gekauft. Den Tag zuvor regnete es, da den Weg gescheut. Mittwoch war es trocken, da durch die reich bevölkerte Apostelnstraße gekämpft. Das andere reines Meta: Marc Degens, The SuKuLTuR Years, übersetzt von Tess Lewis.

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Pferd spielt nur zu Beginn eine Rolle und bärtiger Philosoph in Turin wird nicht erwähnt. Binnenreime knüpfen sich an an es: versehrt und erklärt. Im fünften Vers schon ist Schluss mit Pferd und geht nur ums Literatinnenleben noch in den insgesamt ca. 350 Versen.

Im Zarathustra kreist nicht der Adler immer höher empor, sondern die Tiefen ringeln sich immer tiefer hinunter. Wir sehen die Welt mit den Augen des Adlers, sein Blick ist das Bezugssystem, um den sich alles dreht. Ähnlich das Passive ins Aktive umgewertet erwartet die saftige Dattel die weißen Zähne der Töchter der Wüste. Ihr Herz lechze nach dem Biss, so Nietzsche, bzw. eine seiner Figuren, der Wanderer und Schatten nämlich.

Cottens mathematischer Sinn: „stochastische Gitter“ (7.2 – das meint Vers 2 auf Seite 7), reelle Zahlen kommen fast vor (11.3), „zwei und zwei sind fünf“ (11.4) und „Diagramme, die uns schön erscheinen“ (12.22). Der Text ist älter schon, von 2009, fürchte fast, die Mathematik hat sie mittlerweile abgestreift.

Kleine Scherze wie „[Kritzel mit Kugelschreiber]“ (8.7), den sie oder ein Abtippser drin stehen ließ, die Entscheidung auslassend: weglassen oder durch Gemeintes ersetzen. Leser überlegt, hat sie’s handgeschrieben und den Kritzel nicht mehr lesen können? Hat sie’s getippt, ausgedruckt und einen Kritzel reingemalt? Ist es ein sinntragender Kritzel gewesen, vulgo ein Wort, oder Telefongekritzel aus langer Weile? Und findet keine Antwort. Manche Fäden bleiben ungeknüpft, hier einer inmitten, der wie eine Franse aus dem Teppich ragt. Doch doch, gedruckt hat sie: „Druckerpatrone, sei wie Ambrosia!“, heißt es einmal (15.18).

Abschreckend Klassik droppen, genau. Elegie heißt es gleich im Untertitel und oft im Text, dann steht Distichen drüber. Metrum kommt vor (7.5), zwei Verse drauf „krude Musen“. Wenige Zeilen später fließt der Styx. Dass man an Pindar denkt, wenn Hoffnung „hymnisch“ (7.18), ist bestimmt übertrieben. Eine „lyrische Endsumme“ (11.1) wird gezogen und „achtlos weggestrichene Stanzen“ (13.16) rufen sich in Erinnerung. „Hartnäckig wie Lukrez feilen wir“ (14.24). Feilte Lukrez schwer? Was schrob er? De rerum natura, ah! Passt zur naturwissenschaftlich interessierten Autorin.

Auch die Moderne bekommt ihr Recht: „Schriftsteller haben welche [Ellbogen], aber schön sind sie, zum Betrachten aufgestützt, und gehen in Schultern über, welche, verspannt, gerade noch die Nacken ertragen, des Nachts surfend.“

Nicht vom Sich spricht das schriftstellernde Ich, sondern vom Wir. Ann bewegte sich scheinbar in einer Blase ähnlich interessierter Gestalten. Wollte sprechen als Sprachrohr, aber, bestimmt bestimmt, sich auch wiederum nicht vereinnahmen lassen. Es mag eine Kulturszene gewesen sein, ein Caféliteratenkreis, ihre Spoken-Word-Clique vielleicht auch damals. Ein Biotop, …, laberte ich weiter, während eine Kuh schnob.

„Und die Zeilen ragen raus wie kobaltblaue Fäden aus etwas längst Geheiltem.“ Schönes Dichterstatement. Am Absatz, in dem es an der Stelle 11.15 so heißt, es vollzogen, verpixelt, verschoben und gestaucht:

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kobaltblau_verpixelt_verschoben_2

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Hätte die Fäden gern noch mehr zerfleddert, aber keinen Filter dafür da. Jetzt fehlt noch Hautfarbe, aber die Weiße (gebildet wie Cotten wie Bläue und Schwärze bei 6.10 die „Bunte“ bildet) muss es auch tun. Nietzsche, bzw. eine seiner Figuren, der Wanderer und Schatten nämlich, hat gesprochen: „Und da stehe ich schon, als Europäer, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen!“ Es herrschte Exotismus im Jahre 1885. Die Töchter der Wüste, ja, der Zoroaster überhaupt. 1862 hatte Flaubert Salammbô veröffentlicht, Pierre Loti 1904 erst Nach Isfahan. Gustaves Versuchung des Heiligen Antonius mit 1874 näher dran. Zarathustra fragt: „Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige?“ Als er die Höhle verlässt und seiner letzten Versuchung folgend den Berg hinabgeht, die Quelle des „Notschreis“ zu finden, da begegnet er dicht aufeinanderfolgend Gestalten. So wie Dante kommt er uns da vor.

Der andere, der Metaband, weist einen Selbstbezugsschlund auf:

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Das Buch, dessen Cover wir sehen, sehen wir auf dem Cover in einem Automaten stehen. Das Cover des Buchs, das im Automaten steht, zeigt wieder den Automaten, wie er mit dem Buch drin steht. Der Coverdesigner hat den Schlüssel zur Unendlichkeit entdeckt oder er wusste, wann unser Auge die Waffen streckt.

selbSt vErsuchT:

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Doch ist beim Frontcover die Schwierigkeit, dass die Haltespiralen des Verkaufsautomaten übers Buchcover ragen. Da müsste ich jemand zur Frage der Freistellung befragen.

Doch doch, es geht, mit einer Buchstütze probiert:

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Die Parallellektüre (schönes Wort ob des repetierten „lle“, als ob es stockt und wieder neu einsetzt ein kleines Stück zurück. Wie ein MP3-Artefakt wirkt es, ähnlich den OCR-Artefakten in Cottens letzter Florida-Erzählung Echo („wahriche-inlich“ oder „Diese Parallelfähigkeit e~~’uell“ (Seite 278, Zeile -8)).) mit untergebracht, weil keines eigenen Beitrags wert. Nein, keine Parallellektüre im Wortsinn, weil anschließend gewesen. Ungeplant und zufällig fand ein fast nahtloser Anschluss statt. Wenig Zeit nur lag zwischen dem Beenden des einen und dem Kauf des andern. Es mögen nur wenige Straßenbahnstationen gewesen sein, aber ich erinnere mich fast nicht mehr. Mneme die Mutter der Musen, der dieswöchige Denkanstoss fragte senkrecht 12 nach ihr.

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