Löwen

Gestern vor 100 Jahren meldet die Frankfurter Zeitung, Vorläuferin der Frankfurter Allgemeinen, im „Kleinen Feuilleton“:

x [Die Lokomotive von Löwen.] Man schreibt uns aus Aachen: Auf einem Geleise vor dem Lokomotivschuppen in  D ü r e n  stand hier einen Tag nach dem über die Stadt  L ö w e n  verhängte Strafgericht eine  M a s c h i n e, die als eiserner Zeuge des schrecklichen Vorfalles, der mit der Vernichtung der Stadt gesühnt worden war. Der Lokomotivführer hatte sie als Vorspann eines mit deutschen Soldaten gefüllten Zuges nach Löwen gebracht. Als dieser in den Bahnhof einfuhr und die Soldaten die Abteile verlassen wollten, wurde aus den benachbarten Straßen von Zivilisten ein mörderisches Gewehrfeuer auf den Zug gerichtet. An der Lokomotive waren die Spuren des Überfalls noch deutlich sichtbar; sie war von  z w ö l f  S c h ü s s e n  g e t r o f f e n  worden; drei Schüsse gingen in die Glocke des Läutewerks, andere in den Kessel, in die Räder und sonstige Maschinenteile. Trotzdem konnte die Lokomotive, wie die „Dürener Zeitung“ berichtet, schon am nächsten Tage wieder ihren Dienst verrichten und bis Düren zurückfahren.

Patriotisch sind der gemeine Beschuss durch Zivilisten, die sich rauszuhalten haben, wenn Profis ihr Kriegshandwerk verrichten (ihre „mörderische“ Tat erinnert an die Debatte, ob man Soldaten als Mörder bezeichnen dürfe, hierzulande unlängst), die Überlegenheit der deutschen Ingenieurskunst in Form einer wohlgebauten, widerstandresistenten, fauchenden „Höllenmaschine“, wie Ludditen sie bezeichnet haben mögen, und das tapfere Weitermachen der Lok trotz Verwundung und ihr im Dienst Bleiben für Volk und Vaterland. Feierlich hebend ist die Alliteration im Titel und die „Beugung“ des ersten Vokals von O nach Ö (Ah, voyelles!).

Einen Schauwert besitzt die Lok in Düren, 40 km vor der Grenze zu Frankreich, um der Bevölkerung die Gemeinheit des Feindes anschaulich zu machen und ihre nationale Gesinnung zu stärken. Am 16. November 1944 wird Düren bei einem Luftangriff völlig zerstört.

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