Tableau vivant

In seinem Berganza spricht Ernst Theodor Amadeus Hoffmann 1814 vom großen Applaus, den die Tochter des Hauses mit einem lebenden Bild ernten konnte. Die „Dame“ ist ihre Mutter, die gegenüber der Schönheit und Sittsamkeit der Jugend natürlich verliert, was sie wahnsinnig ärgert:

Berganza. Meine Dame gefiel sich ungemein darin, die Corinna vorzustellen.

Ich. Welche Thorheit, wenn sie nicht wenigstens die wahre Anregung der Kunst in sich spürte.

Berganza. Nichts weniger als das, mein Freund! Du kannst es mir glauben! Meine Dame hielt sich gern auf der Oberfläche, und sie hatte eine gewisse Fertigkeit erlangt, dieser Oberfläche einen Schimmer zu geben, der die Augen mit falschem Licht blendete, so, daß man die Seichtigkeit nicht gewahr wurde. So glaubte sie schon, ihrer wirklich schönen [217] Arme und Hände wegen, die Corinna zu seyn, und ging von der Zeit an, als sie das Buch gelesen, an Brust und Armen mehr entblößt, als es wol einer Frau in ihren Jahren geziemlich ist, und schmückte sich überaus mit zierlichen Ketten, antiken Cameen und Ringen, so wie sie oft mehrere Stunden zubrachte, ihr Haar mit köstlichen Oelen salben, und in zierlichen künstlichen Geflechten zu diesem oder jenem antiken Kopfschmuck irgend einer Kaiserinn aufringeln zu lassen. – Böttigers kleinliche Antikenkrämereien waren ihr eben recht; aber mit den mimischen Darstellungen nahm es ein plötzliches Ende.

Ich. Und wie das, Berganza?

Berganza. Du kannst denken, daß meine unerwartete Erscheinung als Sphinx der Sache schon einen ziemlichen Stoß gegeben hatte, indessen hatten die mimischen Darstellungen doch noch ihren Fortgang, zu denen ich aber nicht mehr zugelassen wurde. Zuweilen wurden nun auch nach der Dir bekannten Methode ganze Gruppen dargestellt; Cäzilia ließ sich indessen nie dazu bereden, daran Antheil zu nehmen. Endlich aber, als die Mutter sehr in sie drang, und als der Dichter und der Musiker sich in stürmischen Bitten vereinigten, ließ sie es sich doch gefallen, in der nächsten mimischen Akademie, wie meine Dame ihre Uebungen vornehm nannte, die Heilige, deren [218] Namen sie bedeutungsvoll trug, darzustellen. – Kaum war das Wort gegeben, als die Freunde in rastloser Thätigkeit sich beeiferten, Alles herbeizuschaffen und anzuordnen, was zur würdigen und effektvollen Darstellung der Heiligen durch die holde Geliebte nöthig war. Der Dichter wußte eine sehr gute Copie der heiligen Cäzilia von Carlo Dolce, die sich bekanntlich in der Dresdener Gallerie befindet, aufzutreiben, und da er zugleich ein geschickter Zeichner war, zeichnete er dem Theaterschneider des Orts so genau jeden Theil der Gewänder vor, daß dieser im Stande war, aus schicklichen Stoffen Cäziliens Draperie ganz herzustellen; auch der Musiker that geheimnißvoll, und sprach von dem Effekt, den man ihm allein verdanken werde. Cäzilia, als sie das emsige Bemühen der Freunde sah, als Beide mehr als je sich beeiferten, ihr tausend angenehme Dinge zu sagen, fand immer mehr Interesse an der Rolle, die sie erst hartnäckig verschmäht hatte, und konnte kaum den Tag der Darstellung erwarten, der nun endlich herankam.

Ich. Ich bin begierig, Berganza! – wiewohl ich wieder einigen teuflischen Unrath merke.

Berganza. Diesmal hatte ich mir vorgenommen in den Saal zu dringen, es koste was es wolle; ich hielt mich an den Philosophen, und dieser, aus reiner Dankbarkeit, daß ich seiner Schelmerei so beigestanden, [219] wußte auch mir so geschickt die Thür zu rechter Zeit zu öffnen, daß ich hineinschlüpfen und meinen Platz, von Niemanden bemerkt, an gehöriger Stelle nehmen konnte. Man hatte diesmal einen Vorhang quer durch den Saal gezogen, und die Beleuchtung zwar oben, aber nicht wie sonst, aus der Mitte strömend, und die Gegenstände von allen Seiten so wie durchsichtig beleuchtend, sondern auf der einen Seite angebracht. Als der Vorhang sich wegschob, saß ganz wie auf Dolce’s Gemälde, in seltsame Gewänder malerisch gekleidet, die heilige Cäzilia vor der kleinen alterthümlichen Orgel, und mit gesenktem Haupte tiefsinnig in die Tasten schauend, schien sie die Töne körperlich zu suchen, die geistig sie umschwebten. So glich sie ganz dem Gemälde Carlo Dolce’s. – Nun erklang ein ferner Akkord lang ausgehalten und in die Lüfte verschwebend. – Cäzilia erhob leise den Kopf. – Nun hörte man wie aus höchster Ferne einen Choral weiblicher Stimmen, ein Werk des Musikers. Die einfachen und doch in wunderbarer Folge fremd, und wie aus einer andern Welt herabgekommenen klingenden Akkorde dieses Chors von Cherubim und Seraphim, erinnerten mich lebhaft an manche Kirchenmusik, die ich vor zweihundert Jahren in Spanien und in Italien gehört, und ich fühlte denselben heiligen Schauer mich durchbeben, wie damals. Cäziliens jen Himmel gerichtete [220] Augen erglänzten in heiliger Verzückung, und unwillkührlich sank der Philosoph mit emporgehobenen Händen auf die Knie, indem er tief aus dem Innersten heraus rief: Sancta Caecilia, ora pro nobis. Viele aus dem Zirkel folgten in wahrhafter Begeisterung seinem Beispiel, und als der Vorhang zurauschte, war Alles, selbst manches junge Mädchen nicht ausgenommen, in stille Andacht versunken, bis eine laute allgemeine Bewunderung dem Drange des innern Gefühls Luft machte. Der Dichter und der Musiker gebehrdeten sich wie närrisch, indem sie sich einmal über das andere umarmten, und dabei heiße Thränen vergossen. Man hatte Cäzilien gebeten, den Abend über in den fantastischen Kleidern der Heiligen zu bleiben. Sie hatte es aber mit feinem Sinn ausgeschlagen, und als sie nun in ihrem gewöhnlichen einfachen Schmuck in der Gesellschaft erschien, strömte Alles mit den größten Lobeserhebungen auf sie zu, indem sie mit kindlicher Unbefangenheit nicht begreifen konnte, was man denn so lobe, und alles tief Ergreifende der Darstellung auf die effektvollen Anordnungen des Dichters und des Musikers schob. Nur Madame war unzufrieden, da sie wol fühlte, daß sie mit ihren nach Gemälden und Zeichnungen studirten, und tausendmal vor dem Spiegel versuchten Posituren, niemals auch nur einen Schatten der Wirkung hatte hervorbringen können, die Cäzilien [221] auf das erste Mal so gelungen war. – Sie bewies sehr künstlich, was Cäzilien noch alles fehle, um eine mimische Künstlerinn zu seyn, welches dem Philosophen die leise boshafte Bemerkung ablockte, daß Cäzilien doch durchaus nicht geholfen seyn würde, wenn Madame ihr das, was sie zur mimischen Künstlerinn zu viel habe, abgebe. Madame beschloß damit, daß Privatstudien, so wie der Unterricht in der Naturphilosophie es nöthig machten, ihre mimischen Darstellungen vor der Hand einzustellen. Diese im höchsten Unmuth gegebene Erklärung, so wie der Tod eines Verwandten, änderten überhaupt die ganze Einrichtung des Hauses.

(Quelle: Wikisource)

Die „tausendmal vor dem Spiegel versuchten Posituren“ der Dame erinnern schön an Schneewittchen: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“ Das „künstlich“ ist natürlich abwertend i.S.v. „weit hergeholt“, das Antonym wäre „natürlich“, was fast goethisch ist. Warum sagt man eigentlich nicht goethesk? Wir erinnern uns, dass Hoffmann die Geschichte der Automatin Olympia geschrieben hat, die dem Studenten schmeichelnd ihn leicht davon überzeugen konnte, dass sie natürlich sei, ein früher Turingtest.

Das inszenierte Gemälde ist dieses, die Dichterin Corinna, die die Mutter darstellen will, jene. Unser Schlankheitsideal galt im Barock wohl noch nichts. Man könnte, verstünde man was davon, mal die Bedeutung der Blume ergründen. Die religiöse Schwärmerei, die mir erst anachronistisch vorkam – hätte sie eher ein Lebensalter später angesiedelt – passt doch sehr gut, bedenkt man, dass Goethes Wahlverwandtschaften fünf Jahre zuvor erschienen sind, in denen die entsagende Ottilie nach dem Ertrinken des ihr anvertrauten Kindes heiligmäßig verklärt und in der Kapelle, die vom Architekten pietätvoll restauriert worden ist, aufgebahrt wird. Und nicht zu vergessen Kleists Legende aus Aachen von 1810.

Mit ihrer Figur wollte sich der doch mehr naturwissenschaftlich interessierte Goethe der Romantik andienen, habe ich immer gefunden, ebenso in der Novelle von 1826 und ein bisschen schon im Sankt-Rochus-Fest zu Bingen 1814, von wo Bettine ihm 1808 geschrieben hat in einem von vielen, wirklich vielen Briefen:

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Die Bekenntnisse einer schönen Seele in den Lehrjahren von vor der Jahrhundertwende kamen mir dagegen immer etwas distanzierter und kritischer gegenüber der pietistischen Frömmigkeit jener Seele vor. So setzt das nachfolgende Buch ja mit einem Paukenschlag ein. Wilhelm reitet übers Feld und nach einem Schauer erscheint am Himmel ein bunter Regenbogen. Dieser Farbtupfer lässt auf einen Schlag das matte Weiß und abgestufte Grau der Lebenswelt des gewissenhaft sinnenden Geistes zuvor aufleuchten, das vorher noch recht im Dunkeln sich befunden hat. Bestimmt ist dieses Urteil ungerecht jedoch, ist doch auch schon ganz schön viel schwarzer Zwang im Leben der Seele aufgetreten, und erfreut sie sich doch an bunten Blumen, nicht jedoch ohne entweder Gott dafür zu danken oder aber ihre Freude mit Skeptizismus, ob sie denn so lauter sei und nicht nur oberflächlich, zu hinterfragen. So jedenfalls meine vage Erinnerung ans Gelesene.

Mit Cäcilie nimmt es ein schlechtes Ende, denn die Mutter in Geldnot verheiratet sie mit einem Lustmolch, dessen Schlüpfrigkeiten Cäcilie erregen und diese Erregung verwechselt sie mit Liebe. Ihre keuschen Verehrer, der Dichter und der Musiker, sind abgemeldet.

Auf die Cäcilie immerzu geachtet zuletzt, wo immer sie auftaucht. Zumal auf das Instrument in ihrer Hand im Wandel der Zeit. Der Katholik Martin Johannes Grannenfeld rief jüngst zu einer Rettung der Kirchenmusik auf. So im Museum Schnütgen vor zwei Jahren, wo sie einmal in einem großen Stifterinnenglasfenster verkörpert ist und zum anderen nach einem ganz anderen, spätgotischen Schönheitsideal in einer Holzskulptur. Vor fünf Wochen noch eine in Glehn gesehn, leider nur von außen, weil die Kirche abgesperrt war:

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Vorgestern versucht, die beiden Objekte im Museum Schnütgen noch mal in Augenschein zu nehmen. Es war der KölnTag, an dem Kölner Bürger umsonst in die Museen können. Die angefragte auskunftfreudige, um nicht zu sagen redselige Wärterin musste mir aber mitteilen, dass das Objekt A 231 ausgetauscht worden sei und sich im Magazin befinde. Bei 18.000 Objekten müssten sie manchmal wechseln. Wo die denn gelagert würden, die Kirche würde ja kaum ein Kellergeschoss haben? Nein, nicht hier, sondern am Ubierring im ehemaligen Völkerkundemuseum. Sie klagte darüber, dass viele KollegInnen AkademikerInnen über 50 seien und keine Stelle mehr bekämen. Zweimal im Laufe unseres Gesprächs machte sie eine den Hals abschneidende Handbewegung: „bis hier“. Ich hatte Mühe mich loszumachen. Das Glasfenster gleich beim Eingang hatte ich übersehen, ging zurück, und sie wies mich noch auf ein Tympanon hin, das ebenfalls die Cäcilie zeige.

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Es stamme von der Kirche selbst, heißt es, das Museum geht ja nahtlos in die Kirche St. Cäcilie über.. aber als Cäcilie hätte ich sie nie erkannt, weil ihr das Instrument fehlt. Vielleicht hat sie es in ihrer abgehackten rechten Hand gehalten..

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Übrigens kommt es in den Wahlverwandtschaften auch zu lebenden Bildern. Zunächst (2. Teil, 5. Kapitel) tritt das Charakterschwein Luciane in Tableaux nach van Dyck, Poussin und Terburg auf, dann wird bei einer anderen Gelegenheit (2. Teil, 6. Kapitel) Ottilie gedrängt, die Jesusmutter zu mimen. „Fromme Kunstmummerei“ nennt Goethe das, vielleicht in der Wertung der Ottilie, der das Schauspiel eigentlich zuwider ist. Mit Thomas-Mannscher Ironie vermerkt der große Dichter: „Glücklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung eingeschlafen, so daß nichts die Betrachtung störte, wenn der Blick auf der scheinbaren Mutter verweilte, die mit unendlicher Anmut einen Schleier aufgehoben hatte, um den verborgenen Schatz zu offenbaren.“ Diesen Satz muss man sich mal genauer zu Gemüte führen. Goethe bringt die Offenbarung der Christen unter, die Lüge in der Darstellung durch das „scheinbar“ – in der Tat ist Ottilie keine Mutter, sondern nur Nanny des Knaben der Charlotte im Zuschauerraum – und die Wiederholung der Anmut kann nichts anderes als Absicht sein, um den Religiositätskitsch zu verspotten oder zu entlarven, wozu dann der Schleier passt. Wir sehen bescheiden: Der Meister kann schreiben.

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Bei Ernst Dessauer 1907 über Wackenroders Verhältnis zu Vasari von Raffaels heiliger Cäcilie gelesen. Vasari erzählt, dass der bescheidene Raffael den Maler Francesco Francia um ein Urteil über sein Gemälde gebeten habe. Diesem verhagelt das Meisterwerk sein Kunststreben und sein Leben erlischt. Dessauer führt Goethe an:

Als ihn sein Weg in der Zeit der italienischen Reise nach Bologna führte, schwelgte sein entzücktes Auge in den Schönheiten der heiligen Cäcilia, alle anderen Künstler hätten vergeblich gewünscht, den Maler dieses Bildes zu erreichen, tröstend verscheucht ihm die heilige Agatha das Mißbehagen, aus dem er sich nach Betrachtung der Guidonischen Gemälde zu retten versuchte.

Das könnte man mal nachgucken. Am 18. Oktober 1786 nachts schreibt er:

Nun gedenke ich aber ein paar lichter Punkte, an denen ich wahrhafte Beruhigung gefühlt.

Zuerst also die Cäcilia von Raffael! Es ist, was ich zum voraus wußte, nun aber mit Augen sah: er hat eben immer gemacht, was andere zu machen wünschten, und ich möchte jetzt nichts darüber sagen, als daß es von ihm ist. Fünf Heilige nebeneinander, die uns alle nichts angehen, deren Existenz aber so vollkommen dasteht, daß man dem Bilde eine Dauer für die Ewigkeit wünscht, wenn man gleich zufrieden ist, selbst aufgelöst zu werden. Um ihn aber recht zu erkennen, ihn recht zu schätzen und ihn wieder auch nicht ganz als einen Gott zu preisen, der wie Melchisedek ohne Vater und ohne Mutter erschienen wäre, muß man seine Vorgänger, seine Meister ansehen. Diese haben auf dem festen Boden der Wahrheit Grund gefaßt, sie haben die breiten Fundamente emsig, ja ängstlich gelegt und miteinander wetteifernd die Pyramide stufenweise in die Höhe gebaut, bis er zuletzt, von allen diesen Vorteilen unterstützt, von dem himmlischen Genius erleuchtet, den letzten Stein des Gipfels aufsetzte, über und neben dem kein anderer stehen kann.

Das historische Interesse wird besonders rege, wenn man die Werke der ältern Meister betrachtet. Francesco Francia ist ein gar respektabler Künstler, Peter von Perugia ein so braver Mann, daß man sagen möchte, eine ehrliche deutsche Haut. Hätte doch das Glück Albrecht Dürern tiefer nach Italien geführt! In München habe ich ein paar Stücke von ihm gesehen von unglaublicher Großheit. Der arme Mann, wie er sich in Venedig verrechnet und mit den Pfaffen einen Akkord macht, bei dem er Wochen und Monate verliert! Wie er auf seiner niederländischen Reise gegen seine herrlichen Kunstwerke, womit er sein Glück zu machen hoffte, Papageien eintauscht und, um das Trinkgeld zu sparen, die Domestiken porträtiert, die ihm einen Teller Früchte bringen! Mir ist so ein armer Narr von Künstler unendlich rührend, weil es im Grunde auch mein Schicksal ist, nur daß ich mir ein klein wenig besser zu helfen weiß.

Und am Folgetag abends über verschiedene Gemälde von Guido Reni, die er gesehen, und es folgt:

Trifft man denn gar wieder einmal auf eine Arbeit von Raffael, oder die ihm wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird, so ist man gleich vollkommen geheilt und froh. So habe ich eine heilige Agathe gefunden, ein kostbares, obgleich nicht ganz wohl erhaltenes Bild. Der Künstler hat ihr eine gesunde, sichere Jungfräulichkeit gegeben, doch ohne Kälte und Roheit. Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt und werde ihr im Geist meine „Iphigenie“ vorlesen und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht aussprechen möchte.

*

Bei Dessauer hört es sich wirklich so an:

Die merkwürdige Erzählung vom Tode Francesco Francias hat Vasari in der Form, wie sie allgemein verbreitet war, nach seiner Gewohnheit, Anekdoten reichlichen Spielraum zu gewähren, dem Werke eingefügt. Danach wurde der lombardische Maler, der schon seit geraumer Zeit mit Raffael in brieflichem Verkehr stand, von dem jüngeren Kunstgenossen mit echt Raffaelscher Demut ersucht, das jüngste seiner Werke, die „heilige Cäcilie“ zu begutachten. Francesco willfahrte bereitwillig diesem Begehren und Raffael übersandte ihm das Gemälde.

Wieviel anders aber liest es sich bei Wackenroder:

Er war indes nie so glücklich gewesen, ein Bild von seiner Hand zu sehen, denn er war in seinem Leben nie weit von Bologna gekommen. […] Ganz unerwartet empfing er einen Brief von ihm, worin jener ihm die Nachricht erteilte, er habe eben ein Altargemälde von der heiligen Cäcilia vollendet, welches für die Kirche des heiligen Johannes zu Bologna bestimmt sei; und dabei schrieb er, er werde das Stück an ihn, als seinen Freund, senden, und bat, daß er ihm den Gefallen erzeigen möchte, es auf seiner Stelle gehörig aufrichten zu lassen, auch, wenn es auf der Reise irgendwo beschädigt sei, oder er sonst im Bilde selbst irgendein Versehen oder einen Fehler wahrnähme, überall als Freund zu bessern und nachzuhelfen.

Hier braucht Raffael Franceso als ortsansässigen Sachverständigen, der die Aufstellung des Gemäldes am vorgesehenen Ort überwacht, Reiseschäden übermalt und auch sonst eventuelle Fehler Raffaels korrigieren möge. In diesem Kontext klingt die Bescheidenheitsklausel nun gar nicht mehr so, wie sie sich bei Dessauer las, sondern für mein Empfinden klar nach Selbstbewusstsein, das mit Bescheidenheit kokettiert.

Vasari hat es ebenso, übersetzt von Gaston du C. De Vere:

Now after this it came about that Raffaello painted in Rome for Cardinal Santi Quattro, of the Pucci family, a panel-picture of S. Cecilia, which had to be sent to Bologna to be placed in a chapel of S. Giovanni in Monte, where there is the tomb of the Blessed Elena dall‘ Olio. This he packed up and addressed to Francia, who, as his friend, was to have it placed on the altar of that chapel, with the ornament, just as he had prepared it himself. Right readily did Francia accept this charge, which gave him a chance of seeing a work by Raffaello, as he had so much desired. And having opened the letter that Raffaello had written to him, in which he besought Francia, if there were any scratch in the work, to put it right, and likewise, as a friend, to correct any error that he might notice, with the greatest joy he had the said panel taken from its case into a good light. But such was the amazement that it caused him, and so great his marvel, that, recognizing his own error and the foolish presumption of his own rash confidence, he took it greatly to heart, and in a very short time died of grief.

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