Haus Bachem

P8310080_1024x768

Das neue Heim des Literaturhauses Köln, Sonntag zur Eröffnung besucht.

P8310073_768x1024

Bei freiem Eintritt war Programm von 11 bis 19 Uhr. Halbe Stunde oder zwanzig Minuten zu früh gekommen, sah der Saal noch so aus:

P8310066_768x1024

Fünf Tage später in Nicholas Cranes Clear Waters Rising vom slowakischen Orava gelesen: „I was the only guest in a dining-room for ninety.“ (p. 222). Die Neunzig nannte Bettina Fischer, als der „große, lange Saal“ (Rainer Merkel) voll besetzt war. „Vor uns sitzen neunzig Zuschauer“, fasste sie es in Worte für die Radiozuhörer, weil der WDR es „zeitnah“ (so Wolfgang Schiffer, der das Programm wortverliebt und als ein echter Bukowski-Lookalike moderierte) senden werde eines Abends um 19 Uhr. Auch Liane Dirks als eine der Autorinnen der Anthologie „Eigentlich Heimat“, herausgegeben von Bettina Fischer und Dagmar Fretter, für die dieses Podiumsgespräch Werbung machte, machte Stimmung für die am Radio Hängenden: „Eine Stelle, an der Sie klatschen müssen!“ Und lachte bissi verlegen. Offenbar leitet sie ein Literaturatelier Köln, „diesen kleinen, kostbaren und auch wachsenden Kreis, in dem ganz viel passiert.“ Musste an Ulla Hahn denken.

Bettina Fischer kündigte einen Mittagstisch für Autoren an einmal monatlich. Das Wort „Freitisch“ fiel nicht, aber hoffe doch. Der Herausgeberin, geboren in Hamburg, entschlüpfte ein merkantiles „Die Überlegung damals, das Buch zu entwickeln…“. Neben Dirks und Merkel saß Fritz Behrens in der Runde, gebürtiger Göttinger und wohnhafter Neusser, Präsident der Kunststiftung NRW, die sich aus Gewinnen von Westlotto finanziere. Da stellte Karin Fischer (not related) für den WDR die pseudokritische Frage, ob das etwa eine Aufforderung an alle sei, exzessiv Lotto zu spielen. Routiniert verneinte Behrens zwar nicht die Frage, brachte aber nur harmlose gelegentliche Rubbellose aufs Tapet. Er unterstrich, dass seine Stiftung keine Institutionen (entschuldigender Blick zur Literaturhauschefin hinüber), sondern nur Projekte fördere: „Wir geben immer maximal ein Drittel dazu.“

Mit Rainer Merkel, der nun seinen Beitrag zur Anthologie „Lauf mit mir über die Trümmer des Krieges“ vorlas, verband mich schon eine kleine Geschichte. Namen wie Merkel, Jochen Schmidt, David Wagner kann ich mir gar nicht merkeln, so gewöhnlich sind sie. Wieviel einprägsamer sind da Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa oder Nino Haratischwili! Aber als ich anschließend im Eingangsraum, den eine schöne hölzerne Wendeltreppe schmückt, den von der Lengfeld’schen aufgebauten Büchertisch begutachtete, vom Urgestein Hildegund Laaff betreut, da lag da „Bo“, mir von Feuilletonrezensionen bekannt. Ein Blättern dort in der Anthologie, von der Behrens sagt: „Wir wollen mit dem, was wir tun, das Land profilieren und die Künstlerinnen und Künstler profilieren.“, förderte Beiträge zutage von Marc Degens, der für die drei Teile seines Heimatstücks „Dorsten“ drei Textsorten wählte: 1. Lyrik, 2. Prosa, 3. Graffiti in einer Unterführung, Wolfgang Welt, Jörg Albrecht („Roadmovie“) und nicht zuletzt vom Bachmannpreischefjuristen Burkhard Spinnen ein Auszug aus seinem Roman „Gladbach“. Problematisiert wurde die regionale Identität und Behrens gestand ein, ob man nicht besser Rheinländer, Ruhrgebietler und Westfalen unterscheide und noch genauer abspalte die Lippe.

P8310079_1024x768

Die Geschichte ist, als es noch fast ganz leer war und ich mich in die letzte Reihe gesetzt hatte, das schöne Fenster im Rücken, da ließ sich ein Schlaks in der Reihe davor nieder, nicht ohne mich mit scharfem Blick gemustert zu haben. Seine Basedowaugen wölben sich mir in der Erinnerung noch stark entgegen. So wie ich in ein A6-Notizheft von Clairefontaine schrieb, so zog er ein wertigeres gleichen Formats hervor mit chamoisfarbenen Blättern und großzügigerer Linierung. Seine Handschrift sank schwungvoll darauf nieder, Aufzählungen begannen mit Spiegelstrich. So wie er notierte auch ich manches, als Ernest Wichner Hans Thill interviewte. Erst später, als er auf die Bühne trat, wurde mir klar, dass er ein Autor war. Im Text erinnert er sich, wie er als Sechzehnjähriger im Stadtwald seine Runden lief, nahe der Friedrich-Schmidt-Straße, in der Hanns Martin Schleyer entführt worden ist. Als er von seinem Griechischlehrer liest, der auch da unterwegs ist und den er überholen kann, und dessen „mausgrauer Frau“ stöhnt das Publikum empört auf. Warum musste er denn die „gesichtslose mausgraue Frau“ noch mal wiederholen später im Text? Selbstbewusster empörte sich das weibliche Publikum nun. Doch es ging ab ohne Eklat.

Auf dem Podium war Merkel ganz gelassen. Auch wenn er mal gelangweilt seine Handrücken betrachtete – bei einer Frau hätte ich gedacht, ihre Fingernägel -, so war er doch, mit einer Frage konfrontiert, sogleich frisch dabei und sprach ohne jedes Geleier. Ein sehr sympathischer Mensch eigentlich, und ich muss mich fragen, ob das nicht vielleicht seinen Auslandsaufenthalten entspringt?

Im Publikum ist mir keine Genderdifferenz aufgefallen. Es schien ausgeglichen (wobei ich althergebracht dichotom rechne). Auf der Bühne fand ich bemerkenswert, dass in der Reihe „Neue Stimmen“ allein drei AutorInnen, interviewt von drei InterviewerInnen, angekündigt waren. Das Gespräch um ein Uhr von Julia Tròmpeter mit Simone Lappert über ihre angstgeplagte Ada fiel aufgrund kurzfristiger Erkrankung der Autorin aus. Vor den nachfolgenden „Neuen Stimmen“ hatte ich die Veranstaltung bereits verlassen. Mittags konnte man Bettina Fischer, Wolfgang Schiffer und Rainer Merkel am Würstchenstand erblicken, der genauso wie der Getränkestand etwas in den Hintergrund platziert worden war, während vorne ein Crêpier und seine etwas offenherzige Crêpière französisch-leichte Lebensart signalisierten.

Zurück zum Beginn. Ehrlich gesagt, hielt ich Thill anfangs für Wichner und Wichner für Thill. Auf Wichner war ich gespannt gewesen, weil er mit Herta Müller befreundet ist und Koryphäe im Literaturbetrieb. Nun war der Dominantere aber der alerte Thill. Von einem Dichter hätte ich das nicht erwartet. Vorgestellt wurde sein „Buch der Dörfer“, erschienen bei Matthes & Seitz. Wild fabulierte Thill vom Hölzchen aufs Stöckchen, folgte falschen Etymologien, rief Raymond Queneau herauf, René Char und Paul Éluard, brachte auch leider „hätte hätte Fahrradkette“ unter und betonte schlohweiß öfters, dass er das erste Mal aus den Dörfern lese, man möge Nachsicht haben… An einer Stelle konnte ich beobachten, wie Wichner, das geöffnete Buch in den Händen, Thills Vortrag verfolgte. Und „zwei markante Verleser“ einwandt. Ob das eine Korrekturlesart sei oder eine Variante? Wichner räumte ein, dass er Queneau in der Schreibung Thills als „Köno“ nicht erkannt habe beim Lesen, erst jetzt beim Hören. Ja, Queneau hatte ja einen sprechenden Hund als Romanfigur, sprudelt es aus Thill. Gut, ich denke an den Vornamen Keno und die Zyniker. Überhaupt scheint Thill eine Neigung zu haben, seine Texte zu erklären, und geht dieser heute vormittag nach: „Da sieht man natürlich, wie die Motive am Laufen sind.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das Programm ist pickepackevoll. Interessant finde ich die Veranstaltungsinfos zum Abreißen, kann man sich ins Portemonnaie tun. Sonja Herrmann sorgte für Nachschub, sodass immer ein paar Programmhefte auf der Fensterbank auslagen. Gesa Süthoff in roter Gala vertrat das Junge Literaturhaus, das draußen in einem Zelt ein Parallelprogramm mit etwa dem Grüffelomann Axel Scheffler fuhr, in Vertretung für Ines Dettmann in Elternzeit, die aber auch anwesend war mit Säugling auf dem Arm.

Neben Rainer Merkel hat sich zu Beginn noch Thorsten Krämer in meiner Nähe im Hintergrund des Raums aufgehalten. Mir bekannt von seinem Interview der Autorin Aléa Torik damals noch in der Schönhauser Straße. Auch er vertreten im Sammelband „Eigentlich Heimat“. Nahm anders als wir, Merkel und ich, aber keine Notizen, sondern interagierte mit seinem Smartphone.

Die letzte Veranstaltung, der ich noch beiwohnte, war eine Diskussion um die eventuelle Aufwertung des Stadtviertels durch den Einzug des Literaturhauses. In der von Martin Stankoswki moderierten Runde waren vertreten der relativ junge Baudezernent Franz-Josef Höing, rhetorisch begabt, Bruno Wenn von der benachbarten DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft), die mit 500 Mitarbeitenden nun hier sitzt, früher „jottwehdeh“ in Müngersdorf, aber schon wieder Gebäude anmietet und auch neu baut, wie Wenn ankündigt: „Das wird auch bald beginnen.“ Ob der Baustellenlärm die Literatenfreunde freut? Und als Kontrapunkt nahm an der Runde Nazif Kardes teil vom Kiosk zwei Häuser weiter, der auch den größten Applaus einheimste. Das Schlitzohr hatte ein stark untertreibendes Schild in die Tür gehängt, erlebte ich ihn doch eine ganze Dreiviertelstunde in den großen, langen Saal gefesselt:

P8310093_768x1024

Hatte acht Stunden vorgehabt und schaffte es nur auf die Hälfte. Zwar nannte Karin Fischer fürs Radio es einen „spätsommerlichen Vormittag“, aber nachmittags, als ich ging, war novembriges Regenwetter. Explizit bedankte sich das Literaturhaus bei den Verkehrsbetrieben für die zeitige Ausschilderung:

P8310092_1024x768

und die Stadt hat sich auch gekümmert:

P8310063_768x1024

2 Antworten to “Haus Bachem”

  1. sein Kommentar ist hier Says:

    Hurrah! After all I got a blog from where I be able to genuinely take useful information concerning my study and knowledge.

  2. visite Website Says:

    This is my first time go to see at here and i am actually pleassant to read all at alone place.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: