Bad Münstereifel – Kall

Im Zug Ernst Dessauer begonnen, 1907 über das Verhältnis Wackenroders zu Vasari. Eine Mitreisende, Teilin einer größeren Gruppe, die hauptsächlich mampfte, hatte neben sich auf dem Sitz Technische Mechanik für Dummies liegen, ein weiterer Einzelreisender las Stephen Kings Arena. Im Anschlusszug allein gesessen.

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Bad Münstereifel ist seit einem Monat c/o City Outlet, im Augenblick aber bauten Tandverkäufer ihre Marktstände auf und eine Gruppe tat das ganz in Tracht. Die Stadt an der Erft durchs falsche Tor verlassen, will doch nicht nach Trierweiter. Stattdessen auf einer bezeichnenderweise Bergstraße steil die Höhe erklommen. Neun Uhr, dicker Nebel, kein Blick zurück aufs Kneippbad möglich, nur Gang nach vorn. „Zwentibold, König von Oberlothringen, verlieh dem Kloster Neumünster 898 Markt-, Münz- und Zollrecht.“, wird ein Straßenschild erklärt. Limousinen aus D und DD schieben sich vorbei. Der Weg als Pilgerweg gekennzeichnet mit gelber Sonne vor blauem Hintergrund und Genehmigung durch irgendeinen kanonischen Rechtsparagraphen. Teil des Jakobswegs offenbar, aber die Muschel war nicht da. So wandelt sich im Geist die Sonne zu europäischen Wegen, die Santiago zustreben.

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In der Morgenfeuchte viele Schnecken auf dem Asphalt und zwei am Poussieren. Eine Spinne hat ihr Netz gespannt. Hier auf der Höhe manchmal Hundehalter und Hundehalterinnen unterwegs. Später verliert der Weg den Asphalt und geht in einen Tannenwald hinein, da wird’s langweilig. Dann geht es links hinab in ein verwunschenes Hornbachtal. Dichter Nebel lagert auf den Auwiesen. Springlebendig plätschern Wasser hinab. Bis ich an einen größeren Bach gelangte, wo es rechts nach einem Ort geht, der wie der Schauspieler Ulrich heißt. Die Straße aber überquert und den Jacob-Kneip-Berg erstiegen. Im dichten Nebel brachte ein Bauer sein Heu ein. Steil ging es bergan, dann auf betautem Gras, das machte die Stadtschuhe nass. Feldmäuse huschten in ihre Löcher, Begleitmusik diesen ganzen Samstag hindurch. Oben nur Antennenmast, keine Bank, um zu rasten. Die Aussicht mag hervorragend sein, zieht man den Nebel ab.

Also wieder hinunter zur Kreisstraße, die ein grüßender Mopedfahrer herauftuckerte. Eine Allee entlang gen Westen, der Autobahn entgegen. Es tropft, Wind schüttelt Tau von den Bäumen. Umgekehrt wie bei Regen ist es jetzt nass unter Bäumen und trocken beiseite. Die Autos auf dem Weg nach Trier, Weyer störe aber ich an.

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Ein Lastwagen raste nach Trier, weiler Fracht da abladen muss. Hinter ihr bog es irgendwann nach rechts ab hinab zum Dreimühlenhof, dessen Kuhdung mir schon eine halbe Stunde in der Nase gelegen hatte. An der Bundesstraße schloss eine Frau mit Euskirchener Kennzeichen den Kiosk auf, der mit Thüringer Bratwurst warb. Touristisches Highlight hier die Kakushöhle. Ich aber nahm den Weg nach Weyer und erreichte die trutzige Kirche, die gerade von einer frommen Frau besorgt wurde.

Herrlicher Barock im Innern. Ein Seitenaltar mit den Wundmalen, das durchbohrte saftige Herz in der Mitte, die gelöcherten Hände und Füße drumherum. Draußen ein Missionskreuz mit Chronogramm, das ich als 1858 lese. Überall hier im Rheinland solche „Missionskreuze“ aus jener Zeit. Einen echten Anlass kann ich in der Politik nicht wirklich finden, außer dass Preußen protestantisch war, aber die Einigung doch erst 1871, nicht? Gut, Preußen im Rheinland schon nach dem Wiener Kongress. Höchstens die soziale Frage vielleicht, die Verelendung der proletarischen Massen, Auslöser für die inneren Missionsbestrebungen der katholischen Kirche? #followerpower

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Weyer nur am hohen Kirchberg, auf dem kräftiger Wind wehte, der den Nebel dennoch nicht verscheuchen konnte, berührt. Weiter, und irgendwann landete ich bei den Pferden von Urfey. Hier beginnt das Königsfelder Tal, dass ich entlang gehen wollte Richtung Keldenich, das nach Kall eingemeindet worden ist und wo Herbert Scheunor wohnt. Dann aber spielte meine Karte nicht mehr mit. Die Entfernungen schienen zu schrumpfen und die Wege ließen sich nicht recht wiederfinden. Manchmal konnte man sich an Höhenlinien orientieren oder irgendeine T-Kreuzung ließ sich auch immer finden auf der Karte, nur der Weg dahin ließ sich nicht wiedererkennen, und das nicht ohne Grund.

Als ich in dem wildromantischen kleinteiligen Buckelland in der Ferne einen Bauern sein Heu lesen hörte, da hätte ich ihn fragen wollen, in welche Richtung Dottel liege. Eine Straße, deren Lärm aus der Ferne geschallt hatte, bis der Traktor sie übertönte, hatte ich für die Landstraße 206 gehalten. War sie auch, nur… Als ich endlich ein Gehöft mit Kuhfabrik, den Hof Lorbach, erreichte und die große Straße dahinter und mich fragte, ob ich vielleicht zu weit nördlich rausgekommen sei und etwa links Dottel und rechts Kallmuth (nicht Calmund!) läge, da konnte mir eine Bushaltestelle helfen. Nanu, Zinsdorf Siedlung? Wo ist Zinsdorf?, suchte ich auf der Karte. Oje! Hatte das Königsfelder Tal verkehrt nach Süden verlassen, durch die Donnermaar. Empfehlenswerte Gegend, nebenbei.

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Also stolperte ich die Landstraße entlang, auf der Autos ihre Pferdestärken tanzen ließen. Kam an Lamas und einem Alpaka vorbei auf der Kartsteinhöhe, die ich als -höhle verlas, wahrscheinlich der Kakushöhle vorher wegen. Endlich nach einem Waldstück konnte man die Straße nach rechts hinab wieder verlassen. Von Kall hatte ich mein Ziel schon lange nach Norden nach Scheven verlegt, weil ich den Weg zwischen Keldenich und Kall schon von früher her kenne, das wäre langweilig. Also ging es jetzt wieder in das fast menschenleere Königsfelder Tal hinein. Kühe schauten mich an. Vögel tobten fröhlich über Wiese und Wald. Den Ausgang aus dem Tal querte ich, wo ein Schild den Beginn des Naturschutzgebietes anzeigt. Links wäre es nach Keldenich gegangen, ich aber wollte nun den Ravelsberg erreichen. Richtig, da sind ja auch die Windräder, die auf der Karte eingezeichnet sind und die ich vorhin in meiner Orientierungslosigkeit in der Wirklichkeit vermisst hatte. Hätte ich doch nur nicht den Kompass vergessen, dann wäre mir der Abweg erspart geblieben. Hätte ich allerdings die Donnermaar nicht kennen gelernt.

Ein nie gesehenes Insekt hatte sich da immer kurz auf staubigem Steinweg geschlängelt und hielt dann inne. Unheimlich. Der Flurname, der so in der Karte steht, kaum mit Google zu finden. Das Geschlecht schon suspekt. Das Maar ein Kratersee in der Gegend, vergleiche Maria Laach, aber kein See da, wo das schwarzglänzende Insekt schlängelte, und gewittern tat es auch nicht. Etymologisch find ich keine Erklärung, bin kein Bergotte.

Der Wind wehte oben wieder kräftig. Die fernsten Windräder immer noch in Nebel getuscht, aber Keldenich konnte man liegen sehen mit seiner weißen Kirche und Dottel sein Zwilling. In Dottel wie in Weyer die Gräber besichtigt. Den Toten der beiden Weltkriege wird ehrend gedacht. Hier in Dottel sechs und sieben Gefallene nur, das Dorf muss klein sein, in Weyer mehr (und in Erkel auch). Auf Grabkreuzen aus dem 18. Jahrhundert fand ich mehr und mehr makabre Totenschädel nahe der Basis. Mal sind sie nur unbeholfen hineingeritzt und man kann sie gerade mal an den großen Augenhöhlen und der Zahnreihe erkennen, beim besterhaltenen aber ordentlich im Halbrelief herausgearbeitet.

Als ich in Dottel in der Kirche war, die auch gerade von einer alten Frau gepflegt wurde, muss es ungefähr gewesen sein, dass der Nebel aufriss so gegen zwei Uhr. Denn als ich aus dem Wald herauskam, konnte ich Scheven unten liegen sehen und die Ebene dahinter mit Eisenbahn und Bundesstraße nach Mechernich. Der Weg hier herunter war nochmal sehr schön. Die Straße von Scheven nach Kallmuth ganz klein nur und kaum befahren. Die von Dottel, die dort in die Landstraße 206 einmündet, etwas mehr. Um drei Uhr in Scheven den Zug bestiegen und heim nach Köln gefahren. Die Schuhe sehr gelitten, klatschnass und von Grashalmen und -samen bedeckt. Die Einlagen gewellt und nicht mehr benutzbar, nachdem ich nach Hause kam, die Sohlen durchgelaufen auch. Wie Seume es geschafft hat, ein Rätsel. Dem sächsischen Schuster er auch gedankt.

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Die Temperatur ideal, weder geschwitzt noch gefroren ohne Jacke, nur im Wind war es etwas kühl und die Finger am Ende so klamm, dass ich kaum mehr leserlich schreiben konnte. Elf Stunden außer Haus gewesen, sechs zu Fuß unterwegs.

2 Antworten to “Bad Münstereifel – Kall”

  1. Gregor Keuschnig Says:

    Schön in diesem Zusammenhang auch: Marion Poschmanns Erzählung „Bad Münstereifel, ein Selbstversuch“; steht hier.

  2. Norbert W. Schlinkert Says:

    Ich war vor drei Jahren mal auf einem Schriftstellertreffen in Bad Münstereifel und hab da grad mal einen einzigen Stadtrundgang gemacht. Ihr Abenteuerbericht, den ich mir nun einverleibte, komplettiert jetzt sozusagen mein damaliges Da- und Dortsein – das ist schön!

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